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Rettung in letzter Sekunde – Enkel von Eldon Ray Burke berichtet über Friedehorst-Entstehung

14.06.2017

Es war sozusagen Rettung in letzter Sekunde, als der Amerikaner Eldon Ray Burke vor 70 Jahren die Sprengung der 25 Wehrmachtsgebäude in Lesum verhinderte und damit den Grundstein für die heutige Stiftung Friedehorst legte. Burke war seinerzeit Koordinator für amerikanische Hilfsgüterlieferungen in Bremen und erfuhr durch seine Arbeit von der bevorstehenden Sprengung des Geländes. Er verhandelte mit der militärischen Regierung und konnte schließlich seine Vision eines Krankenhauses und Reha-Zentrums in Bremen-Nord durchsetzen. So wurde am 19. September 1947 die Einrichtung mit dem damaligen Namen „Friedehorst – Vereinigte Anstalten der Inneren Mission“ gegründet. Jetzt war Burkes Enkel, der Historiker Henry Burke Wend, im Rahmen eines ökumenischen Treffens zu Gast in Friedehorst, um aus dem Leben seines Großvaters zu berichten.

Für das Zusammentreffen mit Henry Burke Wend hat Friedehorst-Vorsteher Pastor Michael Schmidt einen besonderen Ort gewählt: die Friedehorster Holzkirche, die noch als eines vor vier ursprünglich erhaltenen Gebäuden an die frühere Geschichte der Einrichtung erinnert. Die historische Kirche erinnert daran, wie eng die Entstehung der diakonischen Stiftung aus Bremen-Nord mit den Amerikanern verbunden ist. „Diese Kirche ist auch ein Zeuge aus der damaligen Zeit“, sagte Schmidt, der den Gast aus Amerika herzlich empfing. Henry Burke Wend hatte zahlreiche Fotos mitgebracht, die seinen Großvater und Friedehorst-Mitbegründer Eldon Ray Burke in verschiedenen Situationen seiner Arbeit zeigen: bei der Anlieferung von Kühen, in seinem Büro oder wie er mit anderen Menschen in Gespräche vertieft ist. Ein Motiv ist für den Historiker, der sich intensiv mit der Geschichte seines Großvaters befasst hat, besonders prägnant: Das Bild zeigt Eldon Ray Burke mit Mantel und Hut auf einem Strohballen sitzend, wie er einem anderen Mann zuhört. Für seinen Enkel beschreibt diese Szene sehr treffend den Charakter von Burke: „Mein Großvater konnte den Leuten sehr gut zuhören. Er sah sie auf Augenhöhe und hatte immer ein offenes Ohr für die Probleme der Menschen.“ Stieß ihm etwas zu Ohren, habe er nicht lange gezögert, sondern die Ärmel hochgekrempelt und mitangepackt, so Henry Burke Wend.

Friedehorst-Mitbegründer Burke wurde 1898 geboren und lebte mit seiner Familie in Indiana. Als Christen, bei denen Glaube und Nächstenliebe eine große Rolle spielten, waren sie gegen Krieg und Wehrdienst. Untätig wollte Burke dennoch nicht bleiben. Der gebürtige Amerikaner schloss sich der Brüderkirche an, die einen freiwilligen Ersatzdienst für Kriegsverweigerer organisierte und mit den deutschen Organisationen zusammenarbeitete. Zwischen 1941 und 1945 gab es die Möglichkeit, an den Planungen für die Nachkriegszeit in Europa mitzuarbeiten. Burke, der an der Universität von Chicago Geschichte studierte, arbeitete bis 1946 bei YMCY (Christlicher Verein junger Menschen). Als er im Januar 1946 nach Bremen kam, sah er nicht nur das große Leid und das Ausmaß des Krieges, sondern nahm auch seine Arbeit für den „Council of Relief Agencies Licensed to Operate in Germany“ auf. Der promovierte Geschichtsprofessor Eldon Ray Burke kümmerte sich um Lieferungen von Penizillin, Pulvermilch und anderen wichtigen Produkten, mit denen die Menschen vor Ort versorgt wurden.

Doch damit nicht genug: Burke wollte auf dem heutigen Friedehorst-Gelände ein Krankenhaus und Reha-Zentrum errichten. Obwohl die Verhandlungen nicht einfach waren, wie sich sein Enkel erinnert, blieb Burke hartnäckig. Die US-amerikanischen Militärbehörden erlaubten ihm schließlich, seine Vision in die Tat umzusetzen. Burkes Grundgedanke sei es gewesen, Menschen dazu zu ermutigen, sich selbst zu helfen und ihr eigenes Leben zu gestalten, sagte Pastor Michael Schmidt. Das sei bis heute so. Burke habe Deutschland nach dem Krieg eine zweite Chance geben wollen, erklärte sein Enkel, der für seine Doktorarbeit über den Marshall-Plan in Deutschland und den Wiederaufbau der Schiffsbauindustrie in Bremen recherchierte. „Für uns ist das eine ganz ungewöhnliche Geschichte“, unterstrich auch Schmidt. „Und sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie Christen die Welt verändert und gestaltet haben.“ Heute erinnert ein Relief neben dem Eingang zur Kirche an den Mann, der vor 70 Jahren die Sprengung der Gebäude verhinderte und damit den Grundstein für die Stiftung Friedehorst legte.